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ARCHIV

FÜR

ANATOMIE, PHYSIOLOGIE

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WISSENSCHAFTLICHE MEÜIC1N,

IN VERBINDUNG MIT MEHREREN GELEHRTEN

HERAUSGEGEBEN

I)». JOHANNES MÜLLER

"»BD. ÖPPKNTL. PROP. DBB ANATOMIE l'NO PHYSIOLOGIE, DIRECTOR DES KÖNIG!. ANAT. njannO l'ND ANATOMISCHEN THEATERS EU BERLIN.

.lillu-illl- 1853.

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V I II I. AfJ von V KIT KT COM P.

Injbaltsanzeige.

Seite Bericht über die Fortschritte der mikroskopischen Anatomie im Jahre 1852. Von K. B. Reichert in Breslau 1

Ueber die Scmitao der Spatangoiden. Von Joh. Müller . . . 1

Einige histologische Beobachtungen über den Schlammpeitzger (Colitis fossilis). Von Dr. Fr. Leydig 3

Das aufrechte Stehen. (Erster Beitrag zur Mechanik des mensch- lichen Knochengerüstes.) Von Prof. Hermann Meyer in Zürich 9

Ueber die Verstürkungsbänder am Schultergeleuk. Von Fr. Schlemm 45

Beitrag zur Mechanik des Gehens. Von Ludwig Fick. (Hier- zu Taf. IV. Fig. 1—5.) 49

Versuche zur Bestimmung der Rolle, welche Leber und Milz bei der Rückbildung spielen. Von Di. Jac. Moleschott, l'rivatdocenten der Physiologie an der Universität zu Heidel- berg . . 5U

IV

Seite

Ueber die Entwickelung der Blutkörperchen. Von Dr. Ja c. Mole- schott, Privatdocenten der Physiologie an der Universität zu Heidelberg. (Hierzu Tafel I.) 73

Ueber die Bildungsstätte des Zuckers im Thierkörper. Von Dr. Jac. Moleschott, Privatdocenten der Physiologie an der Universität zu Heidelberg 86

Ueber die Architectur des Schädels der Cerebrospinalorganismen. Von Dr. Ludwig Fick, P. P. 0. in Marburg. (Hierzu Taf. II. und HI.) 88

Ueber einige niedere Tbiere. Von Dr. A. Krohn. Briefliche Mit- theilung an den Herausgeber 137

Beiträge zur Kenntniss der Schilddrüse. Von Dr. 0. Kohlrausch in Hannover. (Hierzu Taf. IV. Fig. 1 4.) 142

Ueber das Schwellgewebe an den Muscheln der Nasenschleim- haut. Von Dr. 0. Kohl rausch in Hannover. (Hierzu Taf. V. Fig. 1 und 2.) 149

Ueber so genannte Infarkten. Von Dr. 0. Kohlrausch in Han- nover. (Hierzu Taf. V. Fig. 3 5.) 151

Widerlegung der von Volkmann gegen meine Abhandlung über die Anwendung der Wellenlehre auf die Lehre vom Kreislaufe des Blutes und insbesondere auf die Pulslehre gemachten Einwen- dungen. Von E. H Weber, Professor in Leipzig 156

Ueber den Bau der Ecbinodermen. Gelesen in der Königl. Aka- demie der Wissenschaften zu Berlin, am 26. Mai 1853. Von Joh. Müller 175

Ueber Chaelonolus und Ichthydium (Ehrb.) und eine neue ver- wandte Gattung Turbanella. Von Dr. Max Schultze in Greifswald. (Hierzu Taf. VI.) 241

Ueber die Larve von Spatangus purpurcus. Von A. Krohn. (Hierzu Taf. VH.) 255

Beobachtungen zur vergleichenden Anatomie der Wirbelsäule. Von August Müller. (Hierzu Taf. VIII.) 260

Ueber die Entwickelung der Seesterne und Holothurien. Von

V

Seite Dr. A. Krohn. Briefliche Mittheilung an den Herausgeber. (Hierzu Taf. VII. Fig. 7.) 317

Ueber den Bau von Peripal-us Edicardsii. Von Dr. Ed. Grube. (Hierzu Taf. IX. und X.) 322

Ueber die Larve des Echinus brerispinostts. Von Dr. A. Krohn. (Hierzu Taf. XI.) 361

Das aufrechte Gehen. (Zweiter Beitrag zur Mechanik des mensch- lichen Knochengerüstes.) Von Prof. Hermann Meyer in Zürich 3G5

Ueber die unempfindliche Stelle der Netzhaut im menschlichen Auge. Von Adolph Fick, Prosector in Zürich und Paul du Bois-Reymond, Stud. med. in Zürich. (Hierzu Taf. XH.) 396

Beitrag zur Temperaturtopographie des Organismus. Von Lud- wig Fick 408

Ueber die Brut des Cladonema radialum nnd deren Entwicklung zum Stauridium. Von Dr. A. Krohn. (Hierzu Taf. XIH.) . 420

Ueber das Kiemengerüst der Labyrinthfische. Von Wilhelm Peters. (Hierzu Taf. XIH. Fig. Ä.) 427

Ueber einen Wurm aus der Gruppe der Anguillulae, Enoplus quadrxdentalut. Von Dr. W. Berlin in Utrecht. (Hierzu Taf. XIV. und XV.) 431

Notiz über die in der Leibeshöhle der Synapta digilata vorkom- menden Körper. Von Dr. W. Berlin in Utrecht 442

Der Nervus spinosus. Von Professor H. Luschka in Tübingen . 445

Ueber die Adaption des Auges. Von Ludwig Fick. Mit einer Nachschrift von Adolph Fick. (Hierzu Taf. XV. Fig. 30.) . 449

Ueber das Verhalten der unsichtbaren Lichtstrahlen von hoher Brechbarkeit in den Medien des Auges. Von T. C. Donders 459

Ueber die Gattungen der Sceigellarven. Von Joh. Müller. Gelesen in der Königl. Akademie der Wissenschaften zu Berlin, am 17. November 1853 472

Die Mechanik des Kniegelenks. Von Prof Hermann Meyer in Zürich ( Hierzu Taf. XVI.) 497

VI

Seile Die Individualitäten des aufrechten Ganges. Von Hermann

Meyer in Zürich. (Hierzu Taf. XVII. und XVHI.) .... 548 lieber das Auge und das Gehörorgan bei den blinden Fischen (Amblyopsis spclaeus Dekay) aus der Mammuthshohle. Von Jeffreys Wyman 574

Corrigenda.

Seite 48.

Zeile 3 von oben statt Rücken seh enkel lies Raben- Schnabelfortsatz. 16 von unten statt eingegangen lies eingebogen, statt Stamm lies Stern, st. vi eischenkligc 1. v icl sei) enklige. statt ziemlich lies zierlich. ist und zu streichen. Statt auch den lies auf den. IG von üben st. Wimperreihen I. Wimperreifen,

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Bericht über die Fortschritte der mikroskopischen Anatomie hu Jahre 1852.

Von

K. B. Reichert

in Breslau.

Allgemeiner Theil.

Diu Morphologie und mit ihr die mikroskopische Anatomie bat in den letzten Jahren hittere Erfahrungen machen müssen. Von den ausgezeichnetsten Physiologen eines jeden Jahrhun- derts als die bewährteste und sicherste Stütze physiologischen Wissens betrachtet, ist sie neuerdings von namhaften Ge- lehrten fast mit Verachtung zurückgesetzt und an ihrer Stelle bald mehr die Lehre von den physikalischen, bald mehr die von den chemischen Erscheinungen an den Organismen in den Vordergrand geschoben worden. Die Physiologie hat ähnliche Zaet&lde jedes Mal durchgemacht, wenn wichtige Fortschritte auf dein Gebiete der Physik und Chemie vorausgingen, und stets hat sie die erfreulichsten Früchte davon getragen. Re- ferent ist indess weit davon entfernt, einer Richtung in der Physiologie das Wort zu reden, die bereits mit der Präten- sion auftritt, alles wahre physiologische Wissen für sich allein in Anspruch zu nehmen. Denn obgleich die morphologischen Erscheinungen und deren Gesetzlichkeiten sich noch in keine mathematischen Formeln einkleiden lassen, so bieten sie doch, von Einzelnheiten abgesehen, die einzige Grundlage dar, auf welcher die Vorstellung von den wichtigsten Lebenserschei- nnngen, von der Organisation, von der Zeugung, von der Kntwiekelung mit ihrem gesetzlichen Verhalten allein sich zu erheben vermag, um) gleichwohl liefert uns die Physik und nie keinen Anknüpfungspunkt für die Auffassung der- jenigen gesetzlichen Bewegung in der organischen Materie, Hl welcher all Effekt die Form hervorgeht. Allein die« kann den Referenten nicht hindern, seine Ansieht offen dahin

MUUcr'a Archiv. JaM. JuhretbcrklU. \

auszusprechen, dass die Art und Weise, wie die Morphologie und namentlich auch die mikroskopische Anatomie zu einem grossen Theile betrieben wird, nicht grade geeignet erscheint, Vertrauen bei Gelehrten zu erwecken, die ihre Aufgabe bei den Forschungen genau kennen, die Fragen scharf stellen und mit Vorsicht und Kritik arbeiten. Bei der grossen Ver- breitung des Mikroskops häufen sich jetzt tagtäglich Beob- achtungen auf Beobachtungen, die fast um so angenehmer werden, je mehr sie den Schein einer Entdeckung durch Wi- derspruch mit anderen oder auch selbst eigenen Erfahrungen zur Schau tragen , und die Morphologie wird so zu einer ge- räumigen Packkammer, in welcher die einzelnen Stücke bald durcheinander geworfen liegen, bald auch nach ganz unter- geordneten Beziehungen aufgestellt worden sind. Ueber die verschiedenen Aufgaben dagegen , welche durch mikroskopi- sche Untersuchungen zu lösen sind, über die Principien der Auffassung und Beurtheilung morphologischer Erscheinungen, die uns die ältere und neuere Zeit durch die glänzendsten Entdeckungen übergeben haben, kurzum über die leitenden Ideen und diejenigen Kriterien, die unser morpholo- gisches Wissen eigentlich zur Wissenschaft machen , beküm- mert man sich meistentheils sehr wenig und scheint fast ge- flissentlich eine Verständigung zu vermeiden. Darum hat Ref. es sich stets zur Aufgabe sein lassen , Gegenstände von all- gemeiner wissenschaftlicher Bedeutung für die mikroskopische Anatomie im vorliegenden Jahresberichte zu besprechen. (Vergl. die Jahresber. vom Jahre 1845, 1846, 1847, 1848 sqq.). Auch in diesem Jahre bietet dazu die Gelegenheit das von Kolliker herausgegebene „Handbuch der Gewebelehre des Menschen für Aerzte und Studirendc" (mit 313 Holzschnitten. Leipzig, 1852), mit der darin enthaltenen systematischen Ein- teilung der Gewebelehre und der Anatomie überhaupt; denn zu allen Zeiten hat man in solchen Einteilungen einen Maass- stab für den wissenschaftlichen Standpunkt der Diseiplin selbst oder wenigstens des Verfassers ihr gegenüber gehabt. Bei der Autorität, die der Verfasser durch seine Arbeiten in der mikroskopischen Anatomie sich errungen hat, dürfte seine wissenschaftliche Auffassung von der morphologischen Orga- nisation unseres Körpers und den darüber handelnden Disci- plinen nicht mit Stillschweigen übergangen werden.

Kolliker hatte bekanntlich im Jahre 1850 den zweiten Band oder „die specielle Gewebelehre" seines grösseren Wer- kes „Mikroskopische Anatomie oder Gewebelehre des Men- schen" veröffentlicht. Das oben erwähnte „Handbuch der Gewebelehre etc." ist zum Theil ein Auszug aus dem grös- seren Werke, aber es enthält auch zugleich die sogenannte „allgemeine Gewebelehre". Als Aufgabe der Gewebelehre hatte der Verfasser bereits in seinem grösseren Werke be- zeichnet: die Erforschung sowohl des Baues (Textur Ref.)

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der Elementartheile, als der feineren Struktur der Organe und Systeme. Die allgemeine Gewebelehre wird in 2 Ab- theilungen zerfällt: in die Lehre von den einfachen und zu- sammengesetzten oder höheren Elementartheilen und in die- jenige von den Geweben, Organen und Systemen im Allge- meinen. Zu den einfachen Elementartheilen gehören nach dem Verf.: er) Elementarkörner (Fetttröpfchen, Pigmentkürn- cheu , überhaupt feste körnige Niederschläge der organischen Materie, Colloidkörner, Corpuscula amylacea) , sog. Elemen- tarbläschen (Milchkügelchen und alle künstlich durch Hapto- genmembran entstandenen Bläschen, desgleichen die Zellen der Dottersubstanz des Hühnerdotters), endlich die etwa frei vorkommenden Zellenkerne; 4) die Elementarzellen. Letztere werden ausführlicher mit Rücksicht auf die morphologische Beschaffenheit, auf die chemische Zusammensetzung, auf die Genesis, auf die Lebensäusserungen und schliesslich in Be- ziehung auf die zwei Hauptweisen besprochen, in welchen sie nach der histologischen Metamorphose als Gewebe auf- treten; sie zeigen sich dann entweder als wahre Zellen, wie im Stratum Ma/pii//äi der Oberhaut, im Blut, Chylus, in der Lymphe, den Drüsensäften , im Fettgewebe, der grauen Ner- vensubstanz, im Knorpel etc., oder als metamorphosirte Zellen, wie in den Hornplättchen, in den glatten Muskel- fasern, in den Linsenrühren, in den Schmelzprismen , in den Knochenzellen (angeblich verdickte Zellen mit Porenkanäl- chen), in den quergestreiften Muskelzellen des Endocardium der Wiederkäuer. Zu den zusammengesetzten Elementar- theilen werden solche organisirte Formbestandtheile gerech- net . die aus theilweiser oder gänzlicher Verschmelzung und Verbindung von Zellen hervorgehen (Schwann's sekundäre Zellen), wozu gezählt werden: die Kernfasern der Autoren, die Knorpelzellen gewisser Plagiostomen (Leydig), die Pigmentzcllen der Lumina fusca, die Nervenzellennetze im Gehirn von Torpedo (R. Wagner), der Fettkörper der Le- pidopteren , ferner das elastische Gewebe, die Bindegewebs- fasern und Kasernetze und das homogene Bindegewebe, die quergestreiften Muskelfasern (ohne Ganglieukörper? Ref.), die Kapillargefässe, die Tracheen.

Die Elementartheile, bemerkt der Verf., sind aber nicht regellos im Körper zerstreut, sondern nach bestimmten Ge- setzen zu Geweben und Organen vereint, und dieses behan- delt die /weite Abtheilung der allgemeinen Gewebelehre. Mit dem Namen „Gewebe" wird eine „konstante, in gleichen Tlieilen immer in derselben Weise wiederkehrende Gruppi- ruiig der Elementartneile", mit dem eines Organes „eine ge- wi--e Summe ron Elementartheilen von bestimmter Form und Funktion- bezeichnet (?Ref.). Die Gewebe werden dann, j" nachdem nur einerlei Formelemente in ihnen vorkom- men od' r in ehr fache Elemente und selbst Organe (! lief.)

an ihrer Bildung sich beiheiligen, in einfachere oder zusam- mengesetztere Gewebe, obschon nicht mit strenger Durch- führung, unterschieden. Zu den einfachen Geweben gehören: das Oberhautgewebe (die verschiedenen Epithelien Ref.), das Knorpelgewebe, das elastische Gewebe, das Bindegewebe; zu den zusammengesetzten: das Knochengewebe (richtiger wohl die Knochensubstanz Ref.) die glatten Muskelfasern (!R.), die quergestreiften Muskelfasern, die Nervenröhren und Nervenzellen, das Gewebe der echten Drüsen und das der Blutgefässdrüsen. Die Organe zerfallen in ähnlicher Weise, wie der Verf. sagt, in einfachere und zusammengesetztere. Zu den einfacheren werden gerechnet : die Horngebilde ohne Matrix, die wahren und elastischen Knorpel mit dem Peri- chondrium, die elastischen Bänder mit Bindegeweben, Ge- fässen und Nerven, die Sehnen, Bänder, echten fibrösen Häute und Faserknorpel; zu den zusammengesetzteren: die glatten Muskeln und Muskelhäute, die quergestreiften Mus- keln, die Nerven, Ganglien und höheren Centraltheile des Nervensystems (also wohl das Nervensystem im speciell- anatomischen Sinne Ref.), die Gefässe, die Knochen und Zähne mit den dazu gehörenden weichen Theilen, die Blut- gefassdrüsen, die echten Drüsen, die einzelnen Organe des Tractus intestinalis, die höheren Sinnesorgane. Die Organe endlich treten noch zu besonderen Systemen zusammen, un- ter welchen sich unterscheiden lassen: das System der äus- seren Haut, das Knochensystem mit den Bändern, das Mus- kelsystem des Stammes und der Extremitäten, das Nerven- system mit den höheren Sinnesorganen, das Gefässsystem, das Darmsystem zugleich mit dem Athmungsapparat etc., das uropoetische System mit dem Geschlechtssystem. Nachdem Kölliker in dieser systematischen Eintheilung seine Ansicht über die Organisationsverhältnisse des menschlichen Körpers explicirt hat, wird in der allgemeinen Gewebelehre eine kurze Beschreibung der oben benannten einfachen und zusammen- gesetzteren Gewebe gegeben, unter welchen die Fettzellen, das sternförmige Pigmentkörperchen , Blut u. s. w. keine Stelle gefunden haben , während in der speziellen Gewebelehre die sogenannten Organe und Systeme, jedoch nicht gesondert, sondern so ziemlich nach der gebräuchlichen Eintheilung der speziellen Anatomie abgehandelt sind.

Das Unvermeidliche ist, wie man sich wohl leicht über- zeugt, gekommen. Als Kölliker die von ihm sogenannte spezielle Gewebelehre seines grösseren Werkes veröffentlicht hatte, sind sicherlich viele Forscher mit dem Referenten dar- auf gespannt gewesen, was die allgemeine Gewebelehre brin- gen würde; denn es war offenbar, dass der Verfasser die Histologie nicht allein in einem bisher ungebräuchlichen Sinne aufgefasst hatte, sondern es Hess sieh aus dem Gegebenen auch in keiner Weise der etwa vorhandene, leitende, wissen-

schaftliehe Gedanke herauslesen und voraussehen. Der all- gemeine Theil ist nunmehr erschienen; allein das Räthsel ist womöglich noch verwickelter geworden. Wir haben bisher in der Anatomie zwei Disciplinen, die allgemeine und spe- zielle Anatomie unterschieden. Diese Eintheilung hat nicht den Sinn , dass die allgemeine Anatomie das abgezogene All- gemeine aus der speziellen Anatomie zu erläutern habe, son- dern beide Disciplinen haben gewissermassen ein verschie- denes Gebiet zu durchwandern, und beide haben wiederum und grade deshalb auch ihren allgemeinen und speziellen Theil. Die Lehre von der Zelle bildet so heut zu Tage den allgemeinen Theil in der allgemeinen Anatomie, während die einzelnen histologischen Formelemente in dem speziellen Theile besprochen werden. Die spezielle Anatomie erläutert im allgemeinen Theile das Allgemeine des Drüsenbaues u. s. w. Die erste Unterscheidung zwischen allgemeiner und spezieller Anatomie ist sehr alt; sie ist enthalten in der Auf- fassung der Partes siniilares und dissimilares. Bichat nannte die allgemeine Anatomie die Lehre von den organischen Ele- menten, aus welchen die Bestandteile unseres Körpers be- stehen , und verglich sie mit den chemischen Elementen. Seine organischen Elemente sind die bekannten 21 Gewebe; die allgemeine Anatomie hiess nun auch Histologie, später wegen des nothwendigen Gebrauches des Mikroskopes „die mikro- skopische Anatomie. L J. F. Meckel hat den Unterschied der allgemeinen und speziellen Anatomie sehr treffend mit der Lehre von den entfernteren und näheren Bestandteilen des Körpers bezeichnet. Obige Eintheilung der Anatomie möchte indess ursprünglich wohl mehr ein empirisches und praktisches Bedürfniss befriedigt haben, als dass man sich der wissenschaftlichen Basis klar bewusst gewesen wäre; diese wurde erst durch Stadien in der Entwickelungsgeschichte gewonnen. Seit C. F. Wolff und namentlich K. E. v. Bär den Organismus seiner Entwickelung gemäss als ein mor- phologisches System anffassten und in der Gliederung des- selben Hauptbestandteile (Primitiv -Organe), diesen etwa untergeordnete nnd Endglieder (histologiacheElementar-Theile),

iji'sgli'icheu in der Kntwickelung des Organismus die primäre, sekundäre und histologische Difl'erenzirung oder Sondirung unterschieden, erhielt die mehr empirische Basis einen be- griffsmfissigen . wissenschaftlichen Qebalt. Nicht nach dem lockeren Öebraach und der unbestimmten Bedeutung der Worte- „Elementartheile, Gewebe, Organe, System", sondern mit Rücksicht .'Ulf die Gliederung des Systems lassen sich in dem kouiplizirtereii Organismus, wie es der Wirliellhier- kSrper ist. drei Kategorien von Formbestandtheileu unler- ■cheiden: l. 1 > i < - Primitivorgane, deren Konnverhälinissc mil Beziehung auf den Gesammt- Organismus konstruirt werden, zu denen unter anderen gehören; das Centralnerveii9yotcm,

0

das Hautsy stein, das Wirbelsystem mit Hart- und Weich- Gebildeu, "das Darmsystem etc. 2. Die etwa vorhandenen untergeordneten Bestandteile der Primitivorgane, deren Form- verhältnisse nach der ein - oder mehrfachen Gliederung der Primitivorgane zu beurtheilen sind, und zu denen im Bereiche des Centralnervensystems gehören würden: Gehirn und Rük- kenmark und weiterhin die Abtheilungen in diesen. Man hat diese Bestandtheile bald Organe, bald Gewebe und wohl auch Systeme genannt; man könnte für sie allgemein den Ausdruck „organologische Bestandtheile" wählen. 3. Die Endglieder oder letzten organisirten Formbestandtheile des Organismus, die sich nicht weiter im Sinne der Gliederung des organisirten morphologischen Systems zerlegen lassen. Diese Gebilde sind unter den Namen „histologische Form- bestandtheile, Elementartheile, orgauisirte Formelemente, auch Gewebe" bekannt; für sie bot die Lehre der elementaren, organischen Zelle die Grundlage zu einer wissenschaftlichen Behandlung dar *). Die genaue Durchführung dieses wissen- schaftlichen Planes hat bei unseren mangelhaften Erfahrungen noch viele Schwierigkeiten zu überwinden. Allein worauf es hier zunächst ankommt man übersieht doch leicht , dass jede oben beschriebene Kategorie von Formbestandtheilen des Körpers, unerachtet gewisser allgemeiner und gemein- schaftlicher Beziehungen, auch ihre wohl begründeten eigen- thümlichen besitzt und dem entsprechend zu behandeln ist. Die Aufgabe der speziellen Anatomie ist es bisher gewesen, sich mit den Formen der ersten beiden Kategorien von Be- standteilen zu beschäftigen , wobei es ganz gleichgültig ist, mit welchem Instrumente die Erfahrungen gesammelt werden. Die allgemeine Anatomie dagegen hat es mit den Endgliedern des morphologischen Systems zu thun. In diesem Sinne hat

•) Da es meine Absicht ist, die verschiedene Aufgabe und den wesentlichen Unterschied der allgemeinen und speziellen Anatomie hervorzuheben, so habe ich auf ein anderes, in der ausgebreitetsten "Weise im Körper vorkommendes Formverhältniss keine Rücksicht ge- nommen. Schon von Bär unterschied unter den Bestandteilen des Körpers die sogenannten „morphologischen Elemente und Abschnitte", die durch „morphologische Sonderung* gebildet werden sollen. Dabin gehören die einzelnen Abtheilungen des Wirbelsystems; man kann dazu rechnen : die einzelnen Abtheilungen einer zusammengesetzten Drüse und überhaupt jede mehr locker oder innig vereinte Aggregation von gleichen Formbestandtheilen- Sie entstehen aber nicht, wie v. Bär angiebt, durch Sonderung oder Differenzirung , sondern durch Wachs- thum, Vermehrung oder, wie Ref. es in seiner Schrift „die monogene Fortpflanzung" genannt hat, durch organologische Zeugung. Man dürfte diese Gebilde gegenüber den durch die Gliederung des Systems gegebenen und durch Differenzirung hervorgegangenen Formbestand- theilen des Körpers mit dem Namen „Aggregations-Gebilde" bezeich- nen können. Solche Aggregations -Gebilde finden sich reichlich unter allen drei Kategorien der Sondirnngs-Formbestandtheilo.

auch Soli wann die Aufgabe der allgemeinen Anatomie ge- fasst (Mikrosk. Unters, p. 72 sq.), und auch Heule hat sich nicht weit davon entfernt, wenn man namentlich die Schwie- rigkeiten berücksichtigt, die sich der praktischen Lösung der selbst klar erkannten Aufgabe entgegenstellen *). Ein wissen- schaftlich nicht, ganz zu billigendes Verfahren ist es gewesen, dass einige Schriftsteller in das Gebiet der allgemeinen Ana- tomie auch allgemeine Fragen aus der speziellen Anatomie hineingezogen haben, wie z. B. Allgemeines über den Drü- senbau, über Häute u. s. w.

Kehren wir nach obigen Erläuterungen zu Külliker's Schriften und seinem morphologischen System zurück, so muss es zunächst auflallen, dass der Verfasser, obgleich er die ganze Anatomie des Menschen behandelt, die Namen „allgemeine und spezielle Anatomie" vermieden und statt dessen ausschliesslich die Namen „mikroskopische Anatomie"

*) Schwann sagt p. 72 seiner „Mikroskop. Unters, etc.", dass die wissenschaftliche Eintheilung der allgemeinen Anatomie diejenige sei, welcher der mehr oder weniger hohe Grad von Entwickelang, welche die Zellen zur Bildung eines Gewebes eingehen müssen, zur Grund- lage dient, und hat mit diesen Worten bereits angedeutet, dass die Zellen den Ausgangspunkt für die wissenschaftliche Auffassung der histologischen Formelemente gewähren. Die systematische Zergliede- rung des Körpers führt auch in der That auf histologische Formele- mente zurück, die entweder aus einer Zelle oder aus einer Summe von Zellen mit oder ohne Betheiligung von Interceilularsubstanz her- vorgegangen sind. (Vergl. Jahresbericht vom Jahre 1 S4t5 ; Müll. Arch. 1847. p. l.sq). Ks giebt also auch «mehrzellige histologische Form- elemente", die aber ihre Natur als Endglieder in dem morphologischen System dadurch erweisen, dass beim Versuch einer weiteren Zerglie- derung keine Differenzen in den Bestandtheileh mehr hervortreten, und dass vielmehr alle Zellen einen und denselben histologischen Ent- wickelnngsproeess gemeinschaftlich mit einander durchgemacht haben, wie* bei den Gebilden der Bindesubstanz, bei den Epithelien und an- deren Halt man, wie es die Wissenschaft verlangt, an dem er- wähnten Ausgangspunkt für die Auffassung und Beurtfaeilung der histologisch''!! Form elem ent'; fest , BO wird es verständlich , dass man Qebilde, l"i deren Bildung Zellen nicht direkt betheiligt sind, Wie Z. B. lang**, dünne- Knochen . ferner Fasern, die beim Gerinnen

d< Fibrins, beim Zerfallen der Grandsubstanz des hyalinen Knorpels nicht mit solchen Fasern zu verwechseln habe, die im in tologfschen und liistogenetischen Sinne unmittelbar aus Zollen bor- hon. Auf diesen Unterschied lifti Ref. schon seil Jahren aufmerk- lit, und auch neuerdioj Mull Archiv. 1852. p 522 sq.); ebenso früher (Mftll. Arch. I i p 2 Heule, der diesen I oter- bcgrlffen hat (Jahresb. vom Jahre 1852. p. 21 sq.), meint , das man ]'\i dadurch nicfi erde abschrecken lassen, jede I i r, gleichviel, wie ie enl tandei I die em Namen zu bezeich- nen« I *^-,' igen UasJ lieh natürlich Nichts weiter einwenden, , wenn mint nur -"ii t keine Verwirrung macbi und den wl m lieftlii :lu u ; nikt der allgemeinen A

oder noch häufiger „Histologie" gebraucht hat. Ein ähnliches Verfahren haben auch andere, neuere Schriftsteller einge- schlagen, so z.B. Gerlach in seinem Handbuch der allge- meinen und speziellen Histologie des Menschen. Man kann seine Bedenken darüberhaben, ob die Ausdrücke „allgemeine und spezielle Anatomie" passend und ihrer gegenwärtigen Bedeutung entsprechend gewählt seien; es ist auch nicht zu leugnen, dass ein gewisses Bedürfniss vorliege, den Ausdruck „mikroskopische Anatomie", der erst später für die „allge- meine Anatomie" gesetzt wurde, in einem weiteren Sinne zu gebrauchen und auf alle morphologischen Kenntnisse zu be- ziehen, die mit Hilfe des Mikroskops gewonnen werden, was begreiflicher Weise ohne Beeinträchtigung der wissenschaft- lichen Unterschiede der einzelnen morphologischen Discipli- nen geschehen kann. Allein es ist wissenschaftlich nicht er- laubt, ein Wort, wie „Histologie", das in einer bestimmten, wissenschaftlichen Bedeutung angewendet wird, für eine an- dere Disciplin zu gebrauchen, die bereits ihren eigenen be- stimmten Namen aufzuweisen hat. Die Verwirrung wird aber noch grösser, wenn man alsdann die Histologie in 2 Theile eintheilt, in die allgemeine und spezielle Histologie, welche der allgemeinen und speziellen Anatomie entsprechen sollen, in Wirklichkeit aber weder ganz das Eine, noch ganz das Andere sind, wovon man sich leicht beim Studium der ge- nannten Kölliker'sehen Schriften überzeugen kann. Hier zeigt sich leider, dass mit der Verwechselung der Namen auch die wissenschaftlichen Begriffe untergegangen sind.

In Betreff* des von Kölliker aufgestellten Systems der Formbestandtheile des menschlichen Körpers Hessen sich zwar manche Bedenken gegen die Angaben von der Beschaf- fenheit und Entwickelung einzelner Gebilde geltend machen, doch soll uns hier nur die Frage beschäftigen, nach welchen Prinzipien der Verfasser verfahren sei. Hier wird es nun sofort offenbar, dass der einzige wissenschaftliche Weg, der den Morphologen, wie oben gezeigt wurde, durch die Er- gebnisse der Entwickelungsgeschichte dargeboten wird , von Kölliker nicht betreten ist, und dass das System der Form- bestandtheile nicht durch Zergliederung gewonnen , sondern durch künstlichen Aufbau nach willkürlichen Prinzipien zu- sammengesetzt wurde. Man wird auf diesem Wege allmälig von Elementartheilen zu einfachen und zusammengesetzten Geweben, desgleichen zu Organen und endlich zu den näch- sten Bestandtheilen des Körpers, zu den sogenannten Sy- stemen geführt. Allein, welche bunte Reihe bilden nicht die angeführten Elementartheile? *) Welches ist der Unterschied

*) Man vergleiche über die verschiedene Bedeutung und Anwen- dung der Worte „Elementartheil", „Gewebe" den Jahresbericht vom Jnhre 1846. (Müll. Arch. 1847).

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zwischen einem einfachen und zusammengesetzten Gewebe, wenn zn den letzteren die glatte Muskelfaser-Zelle gerechnet wird? Warum werden bei einer und derselben Kategorie von Bestandteilen Nerven und Gefässe bald hinzugenommen, bald auch nicht? Welches sind die Kriterien zur Unterschei- dung der zusammengesetzten Gewebe, Organe und selbst der Systeme von einander? Das System des Verfassers beginnt willkürlich mit körnigen Niederschlagen, baut sich durch künstliche Bläschen eine Brücke zur elementaren, organischen Zelle und endet mit nächsten Bestandtheilen des Körpers nach den Kapiteln in den Handbüchern über spezielle Ana- tomie, von denen es doch längst bekannt ist, dass sie nur zum Zweck des Studiums für Anfänger so eingerichtet wor- den sind.

Manches Eäthselhafte in dem Verfahren des Verfassers wird uns übrigens begreiflich, wenn man die Grundsätze kennt, welche derselbe mit Rücksicht auf die Zusammenstellung von Geweben in der Abhandlung „Ueber die Entwickelung der sogenannten Kernfaser, der elastischen Faser und des Binde- gewebes" (Verhandl. der physik. - medieinisch. Gesellsch. in Würzburg. 1852. p. 1 7) niedergelegt hat. Es ist diese Ab- handlung besonders gegen die, von Virchow, Donders und dem Ref. vertretene Ansicht über die Verwandtschaft der verschiedenen Bindesubstanz-Gebilde gerichtet. Will man, sagt Kölliker, die Gewebe richtig auffassen, so muss man vor Allem die Gewebe zusammenstellen, die in Genese, Form, chemischer Zusammensetzung und Funktion überein- stimmen , wie die ungestreiften Muskelfasern u. s. w. Gegen die Richtigkeit dieses Satzes ist wahrlich Nichts einzuwen- den: aber es versteht sich auch wohl von selbst, dass man nicht die verschiedenen Exemplare eines und desselben Din- ges für verschiedene Dinge ausgebe. (Ref.) Sodann, bemerkt der Verfasser, folgern diejenigen Gewebe, die bei gleichen Anfängen der Entwickelung (d. li. histologischer Entwicke- lung. da sonst die verschiedensten Gebilde durch die Zellen einen gleichen Ausgangspunkt hätten, Ref.) später dadurch auseinandergehen, dass die einen in der Metamorphose län- ger fortgehen, als die anderen, wie die markhaltigen und marklosen Nervenröbren u. s. w. Solche Gewebe sind na- türlich, worauf auch Ref. in geiner Schrift (Bemerkung, zur vergleich. Naturf. Dorp, 1845) hingewiesen, nicht identisch, sondern genetisch verwandt. Ist ferner die Genese ver- schieden, aber die Form oder die Funktion oder die chemi- sche Beschaffenheit jede fflr sich oder alle gleich, so könne man die Gewebe wohl zusammenstellen und in gewissen Be- ziehungen einander gleich erklären, jedoch nicht rar identisch. Dieser Satz ist nicht verständlich. Denn zunächst handelt es sich bei Gruppirung von Geweben nicht um identische, sondern nm ähnliche und verwandte Gebilde in Grundlage

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eines wesentlich übereinstimmenden Bildungsgesetzes; ferner ist es nicht zu begreifen, wie bei verschiedener Genese die Form oder die Funktion oder die chemische Beschaffenheit der Gewebe gleich sein könne, es sei denn, dass man es mit allen diesen Verhältnissen ganz oberflächlich nehme; und endlich ist es unmöglich, dass bei Uebereinstimmung der Gebilde in Form , Mischung und Funktion die Genesis ver- schieden sein könne. Denn man mag sich über den Vorgang des Entwickelungsprozesses eine Vorstellung machen, welche man wolle, soll aber der wissenschaftliche Boden unter un- seren Füssen nicht gänzlich vernichtet werden , so muss man von der Ueberzeugung durchdrungen sein, dass eine jede Entwickelungsveränderung das nothwendige Produkt gesetz- lich bestimmter, konkurrirender Faktoren sei, dass hierbei Form und Mischung mit den daraus resultirenden Leistungen unzertrennlich Hand in Hand gehen, und dass eine Ueber- einstimmung in einer Beziehung auch die in allen übrigen nach sich ziehe, oder umgekehrt. Obgleich übrigens Köl- liker im Allgemeinen bei Gruppirung der Gebilde nach ihrer wirklichen Verwandtschaft einen grossen AVerth auf die Genesis legt, so werden doch in der Folge die merkwürdig- sten Zweifel gegen ihre Gültigkeit von ihm erhoben. Denn der Ausgangspunkt der wichtigsten, physiologischen Organi- sationen, so schreibt der Verfasser, seien gleichartige Bil- dungszellen; mithin seien alle Gewebe eigentlich im An- fange gleich (üRef); ja, man wird mit Rücksicht auf die, in embryonalen und pathologischen Geweben oft minder deut- liche Ausprägung von Zellen zur Annahme geneigt sein (?Ref.), selbst die Grenze zwischen den aus Zellen und schleimarti- gen Massen sich entwickelnden Theilen nicht so unübersteig- bar zu setzen , dass nicht vielleicht später Bindeglieder sich ergeben und Uebergänge sich finden , die alle unsere Systeme zu Schanden machen (!). Man möchte vermuthen, dass der Verf. nach irgend welchen Trostworten für diejenigen gesucht habe, welche die von ihm konsequent künstlich auseinander gerissenen , verschiedenen Gebilde der Bindesubstanz ver- wandtschaftlich zu vereinigen bemüht gewesen sind. Das dargebrachte Opfer ist aber zu gross und zu kostbar für die wissenschaftliche Morphologie! Mit solchen Ansichten ist es unschwer, alle Differenzen in der organischen Natur zu ver- nichten; mit solchen Ansichten lassen sich keine morpholo- gischen Systeme wissenschaftlich aufbauen.

Jos. Engel, angeregt durch die Untersuchungen der Botaniker über die Gesetze der Blattstellung, namentlich durch Naumann's Arbeit über den Quincunx als Gesetz der Blattstellung, hatte sich zur Aufgabe gestellt, die Ge- setzmässigkeit der Stellung und Lage der Zellen- kerne in thierischen Fasern und Röhren genauer zu ermit- teln. Der Verf. hoffte anfangs in der Kernstellung einen

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Schlüssel zur Auffindung der Gesetze der Aststellung in den Capillaren zu linden; diese Ansicht erwies sieh jedoch bald als unhaltbar. Dann wurde geprüft, ob nicht die Kerne an den Capillaren und den quergestreiften Muskelfasern dem Gesetze des Quincunx entsprechend geordnet seien; aber auch diese Arbeiten führten zu keinem befriedigenden Resul- tate. Gleichwohl bemerkte der Verf. insbesondere bei den willkürlichen Muskelfasern, dass die Grösse des Interstitium oder des Intervalles zwischen zwei neben- oder hintereinan- der gelagerte Kerne mit der Breite oder Länge der Kerne im gewissen Zusammenhange standen. So ergab sich öfters bei einer Kernlänge von 0,0003 P. L. die Länge des Inter- valls = 0,0005 P. L. , bei einer Kernlänge von 0,0005 P. L. die Länge des Intervalls = 0,0009 P. L. , und es war somit nach der Ansicht des Verf. der Schlüssel für das Gesetz der Kernstellung gefunden: das Intervall zwischen zwei Kernen von gleicher Länge ist gleich der doppelten Länge des Kerns minus der Einheit, d. h. J = 2K— 1. Denkt man sich nun- mehr die thierische Faser in Zellen zerlegt, so würde jede dieser Zellen mit ihrem Kern durch die Formel Z = 3K— 1 ausgedrückt sein, in welcher Z die Länge der ganzen Zelle und K die Länge des ganzen Kernes in demselben Durch- messer bedeutet. Die Formel J = 2K— 1 hat auch ihre Gel- tung, wenn die Zellen (wie z.B. in einem Capillargefäss mit zwei im Querdurchmesser gelegenen Kernen) neben einander liegend gedacht würden, nur dass statt der Länge die Breite der Kerne in Betracht zu ziehen wäre; also J = 2B-1 , worin B die grösste Breite eines Kernes bedeutet. Diese Berech- nungen haben jedoch nur in der Voraussetzung ihre Gültig- keit . dass die Länge oder die Breite der zu vergleichenden Kirne vollkommen gleich sind, und dass die Kerne die Mitte der Zelle (mittelständig) einnehmen; solche Zellen oder Fa- serzelleu werden bipolar genannt. Zahlreiche Beobachtungen überzeugten aber den Verf., dass man auch andere Lage- verhältnisse der Kerne in den Zellen supponiren müsse. Die Kerne können nämlich auch an das Ende der Zelle gerückt sein, und solche Zellen mit endstündigem Kern heissen uni- polar. Verbinden sich Zellen miteinander, die entweder bi- polar oder unipolar sind, so nennt dies der Verf. eine gleich- sinnige Kombination. Ausserdem werden doppelsinnige und

widersinnige Kombinationen unterschieden; im ereteren Falle verbindet sich eine unipolare Zelle mit einer bipolaren, im zweiten liegen die Keine unipolarer Zelle so, dass sie von ehr Vereinigungsstelle ZVeier Zellen entweder abgewendet lind, o.le, dieselbe unmittelbar berühren, welches letztere Verschmelzung zweier Kerne gleichzusetzen sei. Die Formel für die Intervalle lüssl sieh nach diesen Kombina- tion. Ti leicht abändern. Engel bemerkt) dass sieb zwar a priori Niehta dagegen einwenden liesgo, auch noch andere

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Stellungen des Kerns in der Zelle anzunehmen, dass aber die Erfahrung gegen das Vorkommen derselben im Bereiche der thierischen Fasern spräche. Liegen mehrere Kerne in einer Faser oder in einem Capillargefässe in einer graden Linie hintereinander, so wird dafür der in der Botanik ge- bräuchliche Name „Orthostiche" gebraucht, und sind dann die betreffenden Kerne von gleicher Länge, so heisst die Kombination eine „Grundkombination". Die Kerne können aber auch verschiedene Längen haben, und dann heisst die Kombination von der 1., der 2., etc. Ordnung, je nachdem die Differenz der Kernlängen 1 , 2 etc. beträgt.

Der Verf. hat nach der Gleichung Z = 3K-1 die Längen der Faserzellen für jede beliebige Kernlänge berechnet und die betreffende Tabelle (p. 15) beigefügt. Hierbei zeigt sich, dass, während die Kernlängen eine arithmetische Reihe mit der Differenz 1 bilden, die Zellenlängen gleichfalls in einer arithmetischen Reihe, aber mit der Differenz 3 wachsen. Des- gleichen giebt die Formel das auffallende Resultat, dass für eine Kernlänge von 0,00005 P. Z. Zelle und Kern einander gleich sind; d. h. Kerne von dieser Grösse besitzen noch keine sie umhüllende Zelle (!). In der Folge werden dann von den verschiedenen Geweben (von den gestreiften und ungestreiften Muskelfasern, vom fötalen Bindegewebe, von Knochen, Capillargefässen etc.) die gefundenen Maasse der Kernlängen und der Intervalle zwischen ihnen mitgetheilt und mit denen, die nach den Formeln berechnet waren, ver- glichen. Obgleich nun durch die oben erörterten, verschie- denen Kombinationen ein ziemlich weiter Spielraum für die Anwendung der Formel dargeboten wurde, so fanden sieb doch schon bei den willkürlichen Muskeln eine nicht unbe- deutende Anzahl von Intervallen vor, die nach dem bishe- rigen Systeme gar nicht zu deuten waren ; die Intervalle zeigten sich nämlich entweder durchaus zu klein oder um ein Bedeutendes zu gross. Der Verf. glaubt diese Anomalien dadurch erklären zu können, dass bei der widersinnigen Kombination zwei Kerne so dicht aneinander zu liegen kom- men, dass sie auch wirklich verschmelzen, oder dass Kerne gänzlich resorbirt werden, oder, dass die Kerne auf einer gewissen Höhe der Entwicklung stehen bleiben , während die Faser weiter fortwächst, was namentlich zweifellos bei der ungestraften Muskelfaser der Fall sei; oder auch, dass ein Wachs th um der Kerne ohne entsprechende Grössenzu- nahme der Intervalle, also ohne Wachsthum der Faser, ja dass Neuentstehnng von Kernen ganz ohne entsprechende Fasertheile gegeben sein könne. Alle diese Annahmen deck- ten gleichwohl nicht alle vorkommenden Anomalien, und der Verf. sah sich genüthigt, auch eine Störung durch „Influenz* der Kerne aufeinander zu statuiren, sei es, dass diese Keine zwei nebeneinander liegenden Orthostichen einer und dersel-

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ben Faser oder Röhre angehören, oder dass zwei Ortho- stichen in derselben Ebene senkrecht gegeneinander verlaufen. (Orthogonale Influenz). Die anscheinende Regellosigkeit, welche durch solche Annahmen für das Wachsthum der Zel- len und Fasern entsteht, soll sich doch nach des Verf. Unter- suchungen in eine gewisse Gesetzmässigkeit auflösen lassen. Dieses allgemeine Wachsthumsgesetz wird durch die Formel Z = nK-(n-l)0,5 = n(K-0,5)+0,5 ausgedrückt. In dieser For- mel bedeutet Z die Länge einer Zelle oder die zu einem Kern gehörigen Faser, K die Länge eines Kerns, und n jede ganze Zahl, die grösser als die Einheil ist, jedoch erfahrungsgemäss nie über 8 steigt. Die Formel Z = 3K-1 ist hiernach nur ein besonderer Fall des allgemeinen Wachsthumsgesetzes für Zellen und Fasern.

Schliesslich wendet sich der Verf. zur Untersuchung der AYaclisthumsverhältnisse isolirter Zellen, und findet dazu am günstigsten die cvlindrischen flimmernden und flimmerlosen Epithelialzellen. Es zeigte sich auch hier, dass das Längen- verhältniss der Zelle zu der Grösse des Kernes in derselben Richtung, wie anmittelbare Messungen ergeben, durch die Formel Z = n(K— 0,5)+0,5 auszudrücken sei. Jedoch sei da- bei festzuhalten, dass der immer an der Zellwand haftende (?R.) Kern nicht blos pol- oder mittelständig, sondern in jeder beliebigen Lage innerhalb der Zelle sich vorfinden könne. Die Beobachtungen erwiesen ferner, dass der Koeffi- cjent n in obiger Formel stets über 1 , sehr selteu über 5 hinausgehe. Für etwa 10 Proc. der Zellen betrug n = 2, für 31 Froc. war n = 3, für 38 Proc. war n = 4; für 20 Proc. war n = 5. Hei grösseren Kernen soll während des Wachs- thums der Zellen ein „System Wechsel" eintreten; d. h. der Koefficieot n, welcher anfangs einen höheren Werth hatte, erhält bei forlgesetzter Enlwickelung einen kleineren Werth. Auch linde man nicht seilen, dass Zellen bis zu einer ge- wissen Grösse nach den beiden entgegengesetzten Seiten des Kernes die Increinenic ansetzen, dass dagegen weiterhin der Zuwachs nur an der einen Seite des Kerns mit unveränderten Koefficienten erfolge; der Verf. nennt diese Erscheinung zum unterschiede von dem früher erwähnten einseitigen Wachs- t h tun den „Polwcchsel". Da nun schon im Allgemeinen die symmetrische Anordnung der Basis und Spitze einer Oylin- derzelle um ihren Kern eine ganz seltene isi , so wird durch den Polwechsel die Asymmetrie noch vermehrt; sie hat zur gewöhnlichen Folge-, dass die Länge des Basaltheiles der Zelle jene der Spitze bedeutend übertrifft. Die Messungen haben übrigens ergeben, dass die Cylinderepithelien ohne Cilien gewöhnlich mit kleineren Kernen versehen sind, als

die Flimmerzellen. Wie » 1 i . - Cylinderzellen , so sollen sich wahrem! des ersten Wachsthums auch die LieberkQhn'schen

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Drüsenschläuche des Darms verhalten, welche nach dem Verf. aus einer einzigen Zelle sich entwickeln (!R.).

Engel hat auch den Versuch gemacht, das Verhältniss des Durchmessers der Kernkörperchen zum entsprechenden Durchmesser des Kerns durch Formeln und Zahlen festzu- stellen. Ref. glaubt indess, dass obige Mittheilungen genü- gen, um das Unternehmen des Verfassers, sowie die daraus hervorgehenden Leistungen und Fortschritte für unsere Dis- ciplin zu beurtheilen. Formeln und Zahlen haben nur Wertli, wenn die Grundlagen, auf die sie zu beziehen sind, klar vor- liegen. Die vom Verf. supponirte Genesis und Textur der quergestreiften Muskelfaser, der Capillargefässe etc. ist gleich- wohl nicht erwiesen. Ganz falsch sind ferner die glatten Muskelfasern behandelt, bei welchen die Intervalle der Kerne verschiedener Fasern gemessen und nachher wie zu einer Faser gehörig betrachtet wurden. Wenn unter solchen Um- ständen die allgemeine Wachsthumformel der Zellen dennoch überallhin passend sich erweiset, so geht daraus hervor, dass sie eine sehr geschmeidige Natur besitzen muss, namentlich bei den zahlreichen Auswegen, die durch andere unerwiesene Suppositionen ihr dargeboten sind. („Das Wachsthumsgesetz thierischer Zellen und Fasern und die Kernstellung in den- selben". Sitzungsberichte der math.-naturwissensch. Klasse der Kais. Akad. zu Wien; Bd. VII. p. 7—149.).

Von allgemeinem Interesse für die mikroskopische Ana- tomie ist die Frage über die chemische Umsetzung eiweissartiger Stoffe in Fettsubstanz geworden. Das Fett ist ein steter Begleiter thierischer normaler und patho- logischer Neubildungen; es zeigt sich auch oft in grosser Masse unter dem Hinschwinden vorzugsweise eiweissartiger Formbestandtheile (Fettmetamorphose); die Entscheidung obi- ger Frage ist daher von Wichtigkeit für die richtige Würdi- gung etwa vorliegender, diesen Gegenstand betreffender Er- scheinungen. R. Wagner hatte bekanntlich auch geholi't, durch mikroskopische und chemische Untersuchung derjenigen Veränderungen , welche in thierische Körper eingeführte, mög- lichst fettfreie, eiweissartige Substanzen nach längerer Zeit erleiden, die bezeichnete Kontroverse zu entscheiden. In diesem Sinne sind neuerdings Versuche von A. Middeldorpf (Zeitsch. für klinische Medicin; Bd. III, Heft I. p. 59.), Don- ders (Nederlandsch Lancet 3 Ser., 1 Jaarg. No. 9 und 10.), F. G. Burdach (Experim. quaed. de commutatioue subst. prot. in edipem. Diss. inaug. Regiom. 1853.) und von Hus- son (Nachrichten der Königl. Gesellsch. der Wissensch. zu Götting. 1853, Nr. 5.) angestellt worden.

Middeldorpf hebt zunächst die Momente hervor, auf die bei solchen Versuchen zu achten sei: man habe zu unter- suchen, ob das Fett in jenen, gleichsam einem Thierbade längere Zeit ausgesetzten, fremden Geweben von der Um-

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gebung hineingekommen sei, oder in dem Implantirten sich neu gebildet habe, oder endlieh, ob es als der mehr wider- standsfähige Rückstand nach Resorption der übrigen Gewebe- theile angesehen werden müsse. Der Verf. machte seine Versuche mit Knochenstückchen nach Entfernung der Bein- haut und mit Fragmenten vom Rippenknorpel eines Kalbes, die in die Bauchhöhle von Tauben eingeführt wurden. Als Resultat ergab sich, dass auch Knochen und Knorpel nach etwa 10 Wochen nach erfolgter Maceration mehr oder weni- ger rcsorbirt und wahrscheinlich von den Umgebungen her mit Fett durchsetzt werden, welches selbst in die sternför- migen Knochenkörperchen eingedrungen war. Donders hatte Sehnen, Knorpel, die Substanz der Hornhaut u. s. w. in die Bauchhöhle von Thieren gebracht und dabei die Be- merkung gemacht, dass ausschliesslich der Zellinhalt bei der Fettmetamorphose betheiligt sei; sie blieb grade da aus, wo Zellenhöhlen fehlen. Burdach hat seine Versuche schon genauer auf die Frage eingerichtet, ob eiweissartige Substanz sich in Fett umsetze, auch dann, wenn der Zutritt von Aussen her unwahrscheinlich, oder wohl gar unmöglich ge- macht würde. Als ein nicht unpassendes Objekt zu derarti- gen Experimenten zeigten sich die Eier z. B. von Limnaeus slar/nalis, welche sich im Wasser entwickeln, und die zu ver- schiedenen Zeiten der Entwickelung auf den Fettgehalt ge- prüft werden konnten. Es ergab sich, dass der Fettgehalt in (hi- Eiermasse von Limnaeus stagnalis wahrend der Entwicke- lung faktisch zugenommen hatte. Hiernach war zu schliessen, da-s (liises unter den gegebenen Umständen nur auf Kosten des gleichzeitig verminderten Eiweissgehaltes erfolgt sei. Es wurden darauf hin zwei Versuche angestellt, und beide er- gaben, dass der Fettgehalt einer bestimmten Eiermasse um die Zeil des Furchnngsprozessee gegen Ende der Entwicke- lung fast um das Zweifache sich vermehrt hatte, und dass gleichzeitig der Kiweissgehalt (mit Einschluss der die Eier umhüllenden Gallertmasse) verringert war. Mit dem Fette hat sich auch der Salzgehalt vergrössert , und der Verf. fügt hinzu, dass, wenn dieser Zuschuss der Salze von ausserhalb in die Biermasse eingedrungen war und nicht während der Entwickelung sich aus dein Albumen befreit hätte, die Ver- ringernng des Biweissgehaltes grade soviel betragen würde, als der Zuwachs an Fctlgchalt. Die Unsicherheit in Betreff de.- letzteren Punktes, so wie die geringe Zahl der Versuche in' hlen vorläufig mich keinen Bicheren Schluss erlauben. Sodann hat der Verf. mit gewissen, nicht unwesentlichen Modifikationen die Wagner sehen Experimente wiederholt; irden namentlich die Biweissstückchen und Linsen, nach- dem iie an der I, all getrocknet waren, mil Colloiliuni, Kaut- chen Häuten luftdicht oder wenigstens voll ständig (ohne Lücken zu lassen) eingehüllt, bevor man sie

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zwischen thierische Tbeile oder in die Bauchhöhle eines le- benden Thieres einlegte; desgleichen benutzte Burdach zu seinen Versuchen nicht nur warmblütige, sondern auch kalt- blütige Thiere, Frösche und Kröten, um den Einfluss der Wärme auf den sogenannten Verfettungsprozess kennen zu lernen. Die Resultate des Verf. sind von ihm selbst in vier Sätzen zusammengefasst: Die Verfettung erfolgt auch unab- hängig von vorhandenen Zellen (Donders) an Eiweissstück- chen, die jeder Struktur entbehren; sie beginnt in der Peri- pherie und dringt, wie schon Middeldorpf hervorhebt, all- mälig gegen die Mitte des implantirten Stückes vor; sie tritt nur dann ein, wenn die organischen Säfte zum implantirten Präparate vordringen können, während die thierische Wärme allein und der Austausch der Gase durch die Umhüllungen hindurch keine Veränderungen bewirken; es lassen sich end- lich zwei Fettarten an den veränderten, implantirten Stücken unterscheiden, von denen die eine Art gelblich, käseartig ist und stets in der Umgebung des Präparates oder deren umhüllenden Kapseln angetroffen wird, die andere dagegen von mehr weisslicher Farbe in feinen Körnchen und Körner- haufen die Substanz des Präparates selbst durchsetzt. In Bezug auf den letzteren Satz bemerkt der Verf., dass die gelbe, käseartige Fettsubstanz auf keine Weise von dem Prä- parate selbst hergeleitet werden könne, da sie sich als Deck- schicht vorfinde, auch wenn das Präparat wegen der Umhül- lung mit Substanzen , die die Diffusion thierischer Säfte be- hinderten, gar keine Veränderung erlitten hatte. Da ferner die zweite Fettart in den Präparaten selbst nur dann sicht- bar wird, wenn die organischen Säfte aus den Umgebungen Zutritt finden, so möchte auch für diese die Quelle in der Umgebung und nicht in dem Präparate selbst zu suchen sein. Hiernach lässt sich wenigstens schliessen, dass die Wagner- sche Untersuchungsmethode kaum geeignet sein dürfte, die angeregte Kontroverse zu unterscheiden. Husson hat seine Versuche im physiologischen Institut zu Göttingen an- gestellt. Augenlinsen vom Schweine und vom Menschen, desgleichen Hühnereiweiss wurden genau auf den Fettgehalt untersucht. Entgegen der Ansicht von Berzelius wurde in den Krystalllinsen stets eine gewisse Quantität von Fett vor- gefunden, die übrigens, wie es scheint, nicht nur bei den verschiedenen Arten der Thiere verschieden ausfällt, sondern auch im Bereiche einer und derselben Art nach Alter u. s. w. variirt. Die Menge des im Ilühnereiweisse vorgefundenen Fettes stimmt mit den Angaben Lehmann's überein. Die genannten Substanzen wurden theils frei, theils in Kautschuk- und Gutta-Percha-Hüllen in die Bauchhöhle einer Taube und